Leben mit Kindern

Vronis Wurst


Jährliches Schlachtfest bei Familie Krügener

November oder Dezember, fünf Jahre nach Kriegsende in einem Dorf im Harz. Mein Mutter Vroni erinnert sich an das Ereignis vor rund 75 Jahren. Aufgewachsen als drittes von vier Kindern in Buntenbock südlich von Clausthal-Zellerfeld. Heute bekannt für alkoholfreies Bier. Damals eine Gegend, die überwiegend vom Bergbau lebte, in der es trotz harter Arbeit keine großen oder gar keine Reichtümer gab und es – verglichen mit heute – deutlich rauer zuging. Lest selbst:

 

In der Nachkriegszeit hielten sich meine Eltern jedes Jahr ein Schwein. Über die Monate wurde es gemästet und zu Beginn des Winters im Hof von einem Hausschlachter getötet. Heute nicht mehr vorstellbar. Damals eine Notwendigkeit und ein Grund zum Feiern, denn es gab etwas Besonderes zu essen.

Aufregung pur

Für mich, damals acht Jahre, meinen sechsjährigen Bruder Bernd und die anderen Kinder in der Nachbarschaft war dies jedesmal ein aufregendes Ereignis, verbunden mit gemischten Gefühlen. Einerseits freuten wir uns auf das Festmahl, andererseits tat uns das arme Schwein leid.

Das Mitleid währte nicht lang, Hunger und Vorfreude überwogen. Nach dem Schlachten wurde das Tier zerlegt in Koteletts, Schinken und alles Mögliche, was man beim Schlachter, andernorts bekannt als Metzger, finden konnte. Über Stunden wurde das ausgelassene Blut gerührt, damit es nicht gerann. Wer dies übernahm, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls wurden hieraus am nächsten Tag Blutwürste gemacht, umhüllt von dem sauber gewaschenen Schweinedarm. Dieser wurde außerdem mit Mett, Blut- und Weißwurstbrät und Leber für die spätere Leberwurst gefüllt. Kurz erklärt: Leberwurst als gekochte Mahlzeit, nicht als Streichwurst, wie sie heute überwiegend bekannt ist. Nach dem Füllen wurden die Würste in einem großen Waschkessel gekocht und anschließend geräuchert. Der Schinken kam zum Trocknen in die Speisekammer.

An die Teller, fertig, los!

War das ganze Schwein verarbeitet, wurde große gefeiert. Schlachtfest.

Zur Feier des Tages gab es für uns Kinder jeweils zwei kleine ringförmige Würste – eine Leber- und eine Blutwurst. Nach einem kurzen Blick auf seine und auf meine Würste war schnell klar: Mein jüngerer Bruder Bernd fühlte sich mir gegenüber benachteiligt. Angeblich waren seine beiden kleiner als meine. Um gegen das Unrecht anzugehen, machte er Jagd auf uns, meine Würste und zwangsläufig auch auf mich. Um den Esstisch. Rundherum und rundherum. Doch ich war schneller und er kriegte weder mich noch die Beute zu fassen. In Rage ob der kulinarischen Niederlage knallte er seine Ration mit voller Wucht auf den Wohnzimmertisch, dass es nur so knallte. Peng. Peng. Wer je eine frische Blut- oder Leberwurst in Händen gehalten hat, kann sich vorstellen, dass der Darm der Wucht des Aufpralls nicht standhielt. Nicht nur zwei Würste platzten. Meinem Vater platzte außerdem der Kragen. Damals herrschte ein anderer Begriff von Erziehung und so erhielt der kleine Knirps nicht bloß einen Vortrag über den korrekten Umgang mit Lebensmitteln, sondern eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hatte.

Der Vorfall konnte die generelle Feierlaune nicht trüben. Schließlich war Schlachtfest nur einmal im Jahr.

Die ganze Nachbarschaft war eingeladen zu Mettbrötchen, Wurstsuppe und einer Menge Bier. Waren die geplatzten Würste noch in der Suppe verwendet worden? Ich weiß es leider nicht mehr.


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