Buntenbock

Viel Wermut, eine Kurve und jede Menge Schutzengel


Ein Crashkurs in Harzer Mobilität

Anfang der 1960er Jahre prägten Wirtschaftswunder und Aufbruchstimmung Westdeutschland. Kühlschrank, Waschmaschine und das erste eigene Auto, am liebsten ein VW Käfer, wurden zum Symbol eines neuen Wohlstands. Wer sich keinen Käfer leisten konnte, fuhr Goggomobil.

In Buntenbock südlich von Clausthal-Zellerfeld lebten die meisten von körperlicher Arbeit im Bergbau. Wohlstand war dort ein Fremdwort. Die Krügeners, sechsköpfige Familie meiner Mutter, hatten kein Auto, keine Waschmaschine, wenig Geld und vier Kinder. Dafür hatten sie harte Arbeit. Und meiner Mutter Vroni, dem dritten der vier Kinder, stand der Sinn nach mehr.

Mit 18 Jahren hatte sie ihre zweite Arbeitsstelle: Sekretariat der Bergakademie Clausthal-Zellerfeld, Institut für Gießereiwesen. Was sie dort erwartete, war nicht das, was man gemeinhin unter seriöser akademischer Arbeit versteht. Aber der Reihe nach:

 

 

 

Mit 18 Jahren bekam ich meinen zweiten Job: eine Stelle im Sekretariat der Bergakademie Clausthal-Zellerfeld, Institut für Gießereiwesen, der späteren Technischen Universität. Klingt solide. Klingt seriös. Klingt nach Zukunft.

Was mir dabei niemand verraten hatte: Der Weg dorthin führte aus meinem Heimatdorf Buntenbock in eine Welt, in der Feiern zur akademischen Pflichtübung gehörte.

ÖPNV? Nie gehört.

Das Institut lag 4,5 Kilometer von Buntenbock entfernt. Die Verkehrsanbindung war das, was man heute wohlwollend als „überschaubar“ bezeichnen würde. Morgens ein Bus rauf nach Clausthal, abends um 19 Uhr einer zurück Richtung Osterode – das war’s. Danach war man auf sich gestellt. Entweder man lief oder war auf das Wohlwollen der motorisierten Kollegen angewiesen.

Wermut Napoleon: Das Schmiermittel der Wissenschaft

Meine neuen Kollegen, Assistenten und Doktoranden, waren außerordentlich feierfreudig. Jeder bestandene Abschluss, jedes neue Auto, jeder Dienstag mit gutem Wetter: Es wurde gefeiert. Und zwar mit Wermut Napoleon: ein mit Kräutern aromatisierter Wein, aufgespritzt auf etwa 15–18 % – und „Napoleon“ war offenbar die Hausmarke des Harzer Hochschulbetriebs. Bitter, würzig, und im richtigen Moment ein echter Stimmungsmacher. Im falschen Moment: ein Wegbereiter für schlechte Entscheidungen.

Der Leukoplastbomber wartet

An besagtem lauem Sommerabend im August hatte die Feier mal wieder länger gedauert als 19 Uhr. Der letzte Bus längst abgefahren. Ich stand vor meinem Heimwegproblem, als Herr Schwerdtfeger – ebenfalls Doktorand, ebenfalls dem Wermut Napoleon nicht abgeneigt – eine großzügige Lösung anbot: Er fahre mich nach Hause.

Sein Gefährt: ein Goggomobil.

Das Goggomobil, für Uneingeweihte: ein Kleinstwagen der Firma Hans Glas aus Dingolfing, dort, wo heute BMW produziert. Zwischen 250 und 400 Kubikzentimeter Hubraum, maximal 20 PS, Neupreis rund 3.000 DM. Ein Zweizylinder-Zweitakter, bei dem der Motor im Heck arbeitete und das Blech dünn genug war, um Zweifel an der Schutzwirkung zu wecken. Der Volksmund nannte es liebevoll „Leukoplastbomber“, weil die Karosserie aussah, als hielte sie ein Heftpflaster zusammen.

Mit diesem Fahrzeug – maximal 70 bis 90 km/h, wenn es gut lief – brachen wir also auf.

Linkskurve. Dach. Stille.

Aus Clausthal kamen wir noch gut heraus. Die Landstraße Richtung Buntenbock lag vor uns, der Sommerabend lau, die Stimmung: entspannt. Dann die Linkskurve. Wir zu schnell, das Goggomobil mangels Gewicht nicht in der Lage, sich auf den vier Rädern zu halten. Es überschlug sich, rutschte noch ein Stück auf dem Dach weiter und blieb schließlich liegen.

Was im Fahrbetrieb wenig Vertrauen einflößt und an der Misere mitverantwortlich war, erwies sich im Nachgang als Vorteil. Denn wir konnten uns aus dem federleichten Gefährt befreien und es zu zweit auch wieder umdrehen. Einfach so. Als sei es ein Gartenstuhl.

Herr S. fuhr mit seinem verbeulten Goggomobil zurück nach Clausthal. Ich ging zu Fuß nach Hause.

Epilog: Die Schutzengel des Harzes

Erst später wurde mir bewusst, welches Glück wir gehabt hatten. Eine Schar von Schutzengeln muss an diesem Sommerabend Überstunden gemacht haben – möglicherweise ebenso angetrunken wie wir, aber pflichtbewusst bis zum Ende.

 


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