Buntenbock

Gulasch an der Decke: Wie unser Schnellkochtopf in die Luft ging


Eine wahre Geschichte aus den 50er Jahren, mit Gulasch, Kartoffeln und ungeplanter Deckengestaltung

Wirtschaftswunder und Aufbruchstimmung prägten Westdeutschland nach den Entbehrungen des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Kühlschrank, Waschmaschine und das erste eigene Auto, der VW Käfer, wurden zum Symbol eines neuen Wohlstands. Auch in die Küchen zog die Moderne ein, zum Beispiel mit dem Schnellkochtopf, der Zeit und Energie sparen sollte.

In Buntenbock südlich von Clausthal-Zellerfeld, heute bekannt für alkoholfreies Bier, lebten die meisten von körperlicher Arbeit im Bergbau. Wohlstand war dort ein Fremdwort. Gespart wurde, wo es nur ging, und im Stall standen die eigenen Schweine.

Die Krügeners, sechsköpfige Familie meiner Mutter, hatten kein Auto, keine Waschmaschine und auch keinen Wohlstand. Stattdessen hatten sie harte Arbeit, wenig Geld, vier Kinder und eines Tages einen Schnellkochtopf. Er war schwer, aus Alu-Guss und hatte eine hübsche Glocke auf dem Deckel. In diesem Stück Fortschritt sollte gleich ein ganzes Sonntagsessen auf einmal gelingen, inklusive Fleisch, das es nur sonntags und zu besonderen Anlässen gab. Eine Bedienungsanleitung gab es, gelesen hat sie allerdings niemand.

Was dann an einem Sonntag passierte, hat meine Mutter Vroni, das dritte der vier Kinder, aufgeschrieben:


Es gibt Anschaffungen, die das Leben einer Familie verändern. Bei uns war es der Schnellkochtopf.

Meine Eltern kauften ihn in den 50er Jahren. Schon damals sollte Energie gespart werden, und dieses Wunderding versprach Großes: Mehrere Einsätze, ein Topf, das komplette Sonntagsessen auf einmal. Fortschritt zum Anfassen. Und er war wirklich zum Anfassen, denn er wog ungefähr so viel wie ein kleines Kind. Vermutlich war er aus Alu-Guss, gebaut für die Ewigkeit oder zumindest für den Ernstfall.

Das Schönste an ihm war die kleine Glocke mittig auf dem Deckel. Hatte der Topf die richtige Temperatur erreicht, zischte darunter Dampf hervor, und die Glocke begann fröhlich hin und her zu tanzen. Heute weiß ich: Sie tanzte nicht vor Freude. Sie wollte uns warnen.

Auf dem Speiseplan an jenem denkwürdigen Sonntag standen Gulasch, Kartoffeln und Leipziger Allerlei, also Karotten und Erbsen von Bonduelle oder Knorr. Ein solides Menü und eigentlich kein Grund zur Aufregung.

Laut Bedienungsanleitung hätte man nun die Herdtemperatur für ein paar Minuten herunterschalten müssen. Laut Bedienungsanleitung. Die hatte allerdings niemand gelesen. Stattdessen schritt meine Mutter zur Tat und versuchte, den Topf zu öffnen. Der Topf hielt dagegen. 1 : 0 für den Topf.

Nun ergriff mein Vater die Initiative. Er setzte sich an den Tisch, nahm den Topf ins Visier und setzte auf das bewährte Prinzip „viel hilft viel“. Und siehe da: Es gelang! Mit lautem Getöse flog der Deckel in die Luft, und unser Mittagessen gleich mit. Gulasch, Kartoffeln, Karotten und Erbsen machten sich auf den Weg nach oben und blieben dort. Alles klebte an der Küchendecke.

Das Gejammer war groß. Es gab kein Mittagessen, dafür hatten wir eine Küche, die neu gestrichen werden musste. Leipziger Allerlei als Deckenputz hat sich in der Innenarchitektur zu Recht nie durchgesetzt. Die gute Nachricht: Es gab keinen Personenschaden. Papa blieb unverletzt. Dass er dabei saß, war rückblickend vermutlich die klügste Entscheidung des ganzen Tages.

Und der Schnellkochtopf? Wurde nicht entsorgt. Dafür war er zu teuer, zu schwer und zu modern. Er wurde allerdings degradiert. Von nun an kamen statt des kostbaren Fleisches nur noch Kartoffeln hinein, auch für die Schweine. Die haben sich nie beschwert. Und vermutlich haben sie die Anleitung auch nicht gelesen.

 


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