Hell‘s Kids

Familienreise nach Südnorwegen


Reifendruck, Wohnwagen, § 142 StGB und Seegang

August 2019. Sommerferien. Das Ziel: Südnorwegen. 1436 km entfernt, davon 934 auf Deutschlands Straßen, 360 durch Dänemark und 142 mit der Fähre über den Skagerrak. Im Gepäck: sechs Koffer, vier Kinder im Alter von zweimal sechs, einmal acht und einmal elf Jahren und zwei Erwachsene.

Wir wollen diesmal nicht in einem Rutsch fahren, deshalb der Plan: Zwei Etappen, Zwischenstopp in Flensburg, heißt 934 km bis zum ersten Halt. Andere fahren eine solche Strecke in zwei Etappen. Wir nicht. Wir lieben lange Fahrten. Zumindest reden wir uns ein, dass wir dies tun.

Frühstart, Reifedruck und Spiegeleier

Teil des Plans: Wir starten früh. „Früh“ ist relativ, also dehnbar. Im konkreten Fall bedeutet „früh“, wir starten um zehn Uhr. Kurz vor Pfaffenhofen, wir sind ca. 39 km gefahren, entspricht 4,17 % der ersten Etappe, 2,71 % der Gesamtstrecke, kommt es zu einem ersten Zwischenfall. Ein abrupter Bremsvorgang unseres Fahrers führt zu einem Druckverlust in den Reifen. Die Warnanzeige im Display fordert sofortiges Anhalten und Überprüfen bzw. Herstellung des korrekten Reifendrucks. Getan wie befohlen. Der Vorgang hätte an sich zehn Minuten Zeit gekostet, netto. Den Weg von der Autobahn runter und zurück nicht eingerechnet. Tatsächlich dauert es länger. Die beiden Sechsjährigen haben Hunger. Es werden Spiegeleier bestellt und langsam verzehrt. Wie man weiß, ist hastiges Essen ungesund.

Wohnwagenkontakt

240 km weiter und staubedingt vier Stunden später kommt es zu einem zweiten Zwischenfall. Ein abrupter Bremsvorgang unseres Fahrers, derselbe wie am Morgen, aka mein Mann, war wohl aufgrund zu geringen Abstands zum vor uns fahrenden Gefährt nicht geeignet, eine Kollision mit diesem zu verhindern. Bei dem Gefährt handelt es sich um einen Wohnwagen mit niederländischem Kennzeichen. Wir fahren auf den Standstreifen, gehen davon aus, dass der andere Unfallbeteiligte es uns gleichtut, schließlich zeigt sich am linken Rand der Rückwand ein Loch, das vor dem sehr lauten Aufprall nach unserer Erinnerung noch nicht vorhanden war. Bevor jemand von uns geistesgegenwärtig sein Handy zücken kann, um zumindest das Kennzeichen einzufangen, fährt der Niederländer weiter. Hat er den Aufprall nicht bemerkt?

Als gute Juristen kennen wir § 142 StGB. Um uns nicht des unerlaubten Entfernens vom Unfallort strafbar zu machen, suchen wir die nächstgelegene Polizeidienststelle in Schweinfurt auf und melden den Vorfall. Geschätzte Dauer: eine Stunde. Gefühlt: fünf Stunden.

Da nicht nur der Wohnwagen ein Loch hat, sondern auch die Motorhaube unseres Kleinbusses deutliche Kollisionsspuren zeigt und außerdem der Wagen Flüssigkeit verliert, suchen wir die nächst gelegene Werkstatt auf. Wir haben Glück. Angesichts der Vielzahl der Kinder hat man wohl Mitleid mit uns. Unser Auto wird sofort begutachtet, für fahrtüchtig befunden und wir können gegen 17 Uhr die restlichen 645 Kilometer Tagesstrecke antreten.

Mit Beulen bis Flensburg

Die Fahrt bis zum ersten Zwischenziel verläuft nach einem Fahrerwechsel vergleichsweise unspektakulär. Nachdem ich zweimal innerhalb von fünfzehn Minuten wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt werde, kommen wir kurz nach Mitternacht in unserem Hotel am Flensburger Hafen an.

Ebenso unspektakulär wie am Vorabend verläuft die zweite Teilstrecke, Flensburg Hirtshals. Skandinavische Fahrer haben keinen Tempomaten, sie haben Disziplin, heißt:  Auf Dänemarks Straßen überholt man nicht, man reiht sich ein. Exakt mit der erlaubten Geschwindigkeit lege ich die Strecke bis zum Fährhafen zurück. Kein abrupter Bremsvorgang, keine Kollision, kein Geblitztwerden. Erholt betreten wir die Superspeed-Fähre, die uns schneller als andere in nur 2 Stunden 15 Minuten nach Kristiansand bringen soll.

Hohe Wellen und kein Land in Sicht

Was als Verkürzung der Dauer auf See gut gemeint war, entpuppt sich als Stresstest für vier von uns.

Ohne groß nachzudenken, bin ich davon ausgegangen, dass auch die jetzige Fährfahrt wie die bisherigen Passagen über die Ostsee angenehm verlaufen würde. Wir werden schnell eines Besseren belehrt. Denn der Skagerrak ist nicht die sanfte Ostsee. Anders als in dem Binnenmeer mit einer Durchschnittstiefe von höchstens 50 Metern, sind es beim Skagerrak mehrere hundert Meter. Dazu kommt, dass die Meerenge zwischen Dänemark und dem südlichen Norwegen zur Nordsee offen ist und Strömungen aufeinandertreffen. Selbst ohne starken Wind bedeutet dies Seegang, der unsere Speedfähre dank ihrer Wendigkeit kräftig zwischen den Wellen hin- und herschaukelt. Meinem Mann und unserer ältesten Tochter tut dies nichts. Sie sitzen entspannt an Deck und bewundern das Meer. Wir anderen vier leiden und kauern auf dem Schiffsboden. Es scheint keine Position zu geben, in der wir uns dem Schwindel und der Übelkeit entziehen können. Wann ist endlich Land in Sicht?

Die Schiffscrew ist krisenerprobt, verteilt an die seekranken Passagiere fleißig Kekse, während sie alle paar Minuten Erbrochenes von den Decks ins Meer schippt.

Nach den zwei Stunden ist endlich Land in Sicht und 15 weitere Minuten später erreichen wir, zum Teil kreidebleich und erleichtert, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, endlich Südnorwegen.

Die Ferien können beginnen.

Meinem Vorschlag, die Rückreise ausschließlich auf dem Landweg über Norwegen, Schweden, die Öresundbrücke und Dänemark zurückzulegen, wird nicht gefolgt und so lassen wir Superspeed Superspeed sein, buchen um auf Fähre mit normaler Geschwindigkeit. Die braucht zwar über eine Stunde länger, bewahrt uns aber vor Schwindel und Seekrankheit.


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