
Oui, merci! Vroni allein in Paris
Mit 16 Jahren und null Französisch auf Europareise
1958. Wirtschaftswunder und Aufbruchstimmung prägten Westdeutschland nach den Entbehrungen des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Kühlschrank, Waschmaschine und das erste eigene Auto, der VW Käfer, wurden zum Symbol eines neuen Wohlstands. In Buntenbock südlich von Clausthal-Zellerfeld, heute bekannt für alkoholfreies Bier, lebten die meisten von körperlicher Arbeit im Bergbau. Wohlstand war dort ein Fremdwort. Ebenso Urlaub. Wer Großeltern an einem anderen Ort hatte, vielleicht sogar in einer größeren Stadt, konnte sich glücklich schätzen. Denn dann durften die Enkel in den Ferien zu Oma und Opa. Die Krügeners, sechsköpfige Familie meiner Mutter, hatten keine Großeltern, kein Auto, keine Waschmaschine und auch keinen Wohlstand. Stattdessen hatten sie harte Arbeit, wenig Geld, vier Kinder. Der Begriff Urlaub existierte in ihrem Wortschaft bisher nicht. Umso nachvollziehbarer, dass meine Mutter Vroni, als drittes der vier Kinder, eine gewonnene Reise nach Paris machte, minderjährig und ohne ein Wort Französisch zu sprechen.

Wer war die 186. Gewinnerin von 200 Auserwählten bei einem Preisausschreiben der Jugendzeitschrift Bravo im Jahr 1958? Ich. Mein Preis: eine Reise in die Stadt der Liebe. Dass ich erst 16 war und kein Wort Französisch sprach, hielt mich nicht auf.
Eltern entspannt, Chef entsetzt
Meine Eltern auch nicht. Sie ließen mich fahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Klein-Vroni sieht die weite Welt. Mein damaliger Chef, Prof. Schranz, war da erheblich besorgter und konnte schlicht nicht fassen, dass sie mir, dem Fräulein Krügener, diese Reise erlaubten. Rückblickend hatte er wohl recht. Naiv wie ich war, machte ich mir keine großen Gedanken. Hauptsache Paris.

Organisiert wurde das Ganze vom Reisebüro France. Dieses kümmerte sich um Bahnfahrten, Hotel und Ausflüge der überwiegend aus jungen Leuten bestehenden Reisegruppe aus dem Kölner Raum. Ich bestieg also den Nachtzug in Clausthal-Zellerfeld, fuhr über Seesen und Münster Richtung Paris. Bis zur Grenze lief alles reibungslos.
Verhör an der Grenze – oder: Wo ist deine Mutter?
Dann erschien der Schaffner zur Passkontrolle. Er sah meine Papiere, sah mich, stutzte – und bat mich aus dem Abteil. Angesichts meines jungen Alters verlangte er eine Reiseerlaubnis meiner Eltern. Die hatte ich natürlich nicht. Ich zeigte ihm meine Reiseunterlagen und erzählte aufgeregt von dem Gewinn. Nach langem Hin und Her ließ er sich erweichen und schickte mich nicht wieder nach Hause nach Buntenbock, sondern zurück ins Abteil. Die Mitreisenden waren ob der Situation neugierig geworden und wünschten mir alles Gute, nachdem ich meine Geschichte wiederholt hatte.
Bonjour, Ville Lumière – und nun?
Früh morgens am Gare du Nord angekommen, wurde ich abgeholt und ins Hotel gebracht: das Trocadéro, mitten in einem Vergnügungsviertel; eine Unterkunftswahl, die mein Chef ebenso wie die gesamte Unternehmung vermutlich missbilligt hätte. Mich störten Stripteaselokale und andere Rotlicht-Etablissements nicht. Als Unschuld vom Lande wusste ich nicht im Ansatz, was sich drinnen abspielte.
Der Kampf mit dem Zimmertelefon
Am nächsten Morgen stand ich vor meiner ersten echten Bewährungsprobe: das Frühstück. Es musste per Zimmertelefon bestellt werden. Auf Französisch. Einer Sprache, derer ich nicht mächtig war. Ich saß vor dem Apparat und starrte ihn an, als wäre er ein Gegner. Eine kleine Ewigkeit lang wagte ich nicht, den Hörer abzunehmen. Schließlich fasste ich hungrig meinen ganzen Mut zusammen, wählte. Sofort meldete sich eine Stimme, die nur fragte: „Petit…?“ Ohne weiter abzuwarten, antwortete ich mit meinem gesamten Französisch-Repertoire „Oui, merci.“ Und legte auf. Das Frühstück kam.
Von der Touristin zur Sprinterin
Tagsüber erkundete ich mit der Reisegruppe die großen Sehenswürdigkeiten. Eiffelturm, Louvre, Sacré-Cœur, Versailles, Fontainebleau. Abenteuerlich wurde es jeweils gegen Abend, wenn ich allein und im Dunkeln durch das Viertel zurück ins Hotel musste. „Gehen“ wäre das falsche Wort – ich rannte. In dieser Gegend trieben sich allerlei finstere Gestalten herum, und das Moulin Rouge war bekanntlich nicht weit.
Nach sechs Tagen kehrte ich gesund und unversehrt ins kleine Buntenbock im Harz zurück, mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass „Oui, merci“ im Grunde für alles ausreicht.

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