Jugend,  Kindheit

Stille Nacht, splitternde Kugeln


Volltreffer am Weihnachtsbaum

1953. Deutschland im Aufbruch. Das Wirtschaftswunder nahm Fahrt auf, in Wolfsburg rollte der fünfhunderttausendste VW Käfer vom Band, in den Wohnzimmern der ersten Haushalte flimmerten Fernsehbilder, und wer es zu etwas gebracht hatte, leistete sich Kühlschrank, Waschmaschine oder träumte schon von der ersten Italienreise. Der neue Wohlstand hatte ein Gesicht bekommen, und es lächelte aus jeder Illustrierten. In Buntenbock kam davon nichts an.

Buntenbock, ein kleines Bergdorf im Harz südlich von Clausthal-Zellerfeld, heute vor allem bekannt wegen des alkoholfreien Biers. Damals lebten die meisten Familien dort von harter körperlicher Arbeit im Bergbau. Wohlstand war ein Fremdwort. Urlaub auch. Und üppige Geschenke erst recht.

So auch bei den Krügeners, der sechsköpfigen Familie meiner Mutter: kein Auto, keine Waschmaschine, kein Wirtschaftswunder. Dafür harte Arbeit, wenig Geld und vier Kinder. Große Geschenke von allen Seiten gab es anders als heute weder zum Geburtstag noch zu Weihnachten. Es galt die eiserne Regel: ein Geschenk pro Kind. Dazu an Heiligabend den legendären „bunten Teller“ – eine Orange oder Mandarine und eine Handvoll Süßigkeiten. Das war’s. Und das war viel.

Meine Mutter Vroni, das dritte der vier Kinder, sollte übrigens Jahre später eine Reise nach Paris gewinnen und sie tatsächlich antreten – minderjährig und ohne ein einziges Wort Französisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Oui, merci! Vroni allein in Paris

Heute geht es um eine Episode mit ihrem kleinen Bruder, erzählt aus der Perspektive meiner Mutter:

Mamas Schatz

Der Weihnachtsbaum, wie üblich selbst geschlagen im Wald, war das Prunkstück des Festes. Und dieses Prunkstück wurde feierlich geschmückt mit alten Glaskugeln unserer Mutter. Sie waren ihr ganzer Stolz. Das ganze Jahr über hütete sie diese wie einen Schatz: sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt, sicher verpackt in einer Kiste, verstaut an einem Ort, an den keine Kinderhand reichte. Nur ein einziges Mal im Jahr wurden sie hervorgeholt, zu dem einen, ganz besonderen Anlass. Dann hängte sie die Kugeln mit geübten Handgriffen vorsichtig an den Baum, eine nach der anderen, und der karge Alltag von Buntenbock bekam für ein paar Tage einen Glanz, den keine Illustrierte hätte drucken können.

Es hätte alles so schön sein können.

Ein Junge, ein Gewehr, ein Plan

Ein Kind, ein Geschenk, hieß es auch dieses Jahr. Eine tolle Bescherung, wenn auch nicht für jeden. Was meine älteren Geschwister, Gerhard, 21 und die 19-jährige Gerlinde, bekamen und ob diese überhaupt noch mit uns feierten, weiß ich nicht mehr. Was ist aber weiß: Mein Geschenk war alles andere als toll. Ein Möchtegern-Puppenwagen. Weit entfernt von dem, was ich mir in meiner Fantasie und Vorfreude ausgemalt hatte. Statt eines nigelnagelneuen Puppenwagens gab es für mich einen popligen Holzwagen, bereits durch diverse Spielhände gegangen, für mich neu angemalt. Dass hier viel Zeit und Liebe hingesteckt worden war, sah ich als Elfjährige nicht. Blöder hätte ein Geschenk nicht sein können.

Mein Bruder Bernd hingegen, mit seinen neun Jahren der Jüngste von uns, hatte Glück. Sein Weihnachtswunsch war ihm erfüllt worden, nicht pseudo, sondern wirklich erfüllt worden.

Er hatte das heiß ersehnte Luftgewehr bekommen. Natürlich kein echtes, sondern eine Spielzeugvariante mit Federmechanik, wie es damals in jedem Schaufenster hing: Zum Spannen knickte man den Lauf ab, dann verschoss es fingerlange Pfeile, die vorne statt einer Spitze einen Gummisaugnapf trugen. Ein Sicherheitsversprechen an Eltern. Traf man eine glatte Fläche, blieb der Pfeil mit einem satten „Plopp“ kleben. Kindgerecht und vor allem eins: harmlos, wie meine Eltern dachten.

Sie sollten sich irren.

Bernd übte fleißig im Flur. Saugnapf an die Tür, Saugnapf an den Schrank, Saugnapf an die Wand. Die Treffsicherheit stieg von Schuss zu Schuss. Und mit ihr das Selbstbewusstsein.

Dann kam er ins Wohnzimmer. Die Augen glänzten; ob vor Weihnachtsfreude oder Jagdfieber, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären. Er hob das Gewehr, nahm die erste Glaskugel ins Visier und drückte ab.

Volltreffer.

Die Kugel zerbarst in tausend glitzernde Splitter. Und Bernd, beflügelt vom Erfolg, nahm die nächste ins Visier. Und die nächste. Eine nach der anderen. Jeder Schuss ein Treffer, jeder Treffer ein kleines Feuerwerk aus Glas. Der Baum wurde kahler, der Boden bunter.

Das Finale lieferte das Schicksal selbst: Unser Vater öffnete vom Nebenzimmer kommend die Wohnzimmertür. Und kaum, dass er sie aufgemacht hatte, klebte ein Saugnapf an seiner Stirn. Mitten drauf.

Das hätte auch ins Auge gehen können. Ging es nicht. Gnade gab es für Bernd trotzdem keine: Für den schießwütigen Knirps endete der Heilige Abend 1953 mit einer Tracht Prügel – so, wie es damals leider noch üblich war.

Eine schöne Bescherung

Der Baum halb leergeschossen, der Familienfrieden dahin, die Glaskugeln im Eimer, besser gesagt in Scherben über den Boden verstreut. Gefeiert wurde trotzdem. Zum besonderen Anlass gab es, wie in jedem Jahr, entweder Gans mit Rotkohl oder Rippchen mit Grünkohl, je nachdem, was Geldbeutel und Metzger hergaben. Zwar in gedämpfter Stimmung, aber trotzdem lecker.


Erzählt von Vroni, damals elf Jahre

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