Spontan ist anders


 DIE GEBURT UNSERER ZWEITEN TOCHTER

Zweieinhalb Jahre nach einem ereignisreichen Tag im Juni (Geburt unserer ersten Tochter) stand ich an einem kalten Novembersamstag im Flur und blickte an mir hinab. Ein riesiger Fleck zeichnete sich auf der Hose ab, der die Vermutung nahe legte, ich hätte es nicht rechtzeitig zur Toilette geschafft. Diese, zugegebenermaßen peinliche, Variante wäre mir lieber gewesen. Denn die Realität der geplatzten Fruchtblase bedeutete, dass unser zweites Baby eine Frühgeburt sein würde. Geburtstermin sollte erst in fünf Wochen sein.

Das Telefonat mit der Nachsorgehebamme beruhigte: Bei der Vormittagskontrolle war der Kopf des Babys fest im Becken gelegen. Ich musste daher nicht liegend ins Krankenhaus transportiert werden. Mit Koffer, einem riesigen Handtuch zum Auffangen des nach wie vor auslaufenden Fruchtwassers und der zweieinhalbjährigen L. begaben mein Mann und ich uns durch den zähen Nachmittagsverkehr ins Krankenhaus. Während ich am CTG Herztöne und Wehen verfolgte, regelte der bald zweifache Vater die Unterbringung der bald großen Schwester bei der Oma, die zum Glück um die Ecke wohnte.

Anstatt am Abendessenstisch zu sitzen, lag ich dank des Blasensprungs auf einem Klinikbett. Mein Magen knurrte dermaßen laut, dass ich mich fragte, ob Baby im Bauch sich deswegen ängstigte. Die Geburtshebamme war im Vergleich zum vorigen Mal eine Wohltat. Freundlich und fürsorglich. Die anfänglichen Wehen waren zwar deutlich spürbar, aber erträglich. Noch erinnerte nichts an das erste Geburtsgeschehen mit seinen undenkbar schlimmen Schmerzen, vor dessen Wiederholung ich mich seit Beginn der zweiten Schwangerschaft geängstigt hatte.

Hie und da ziepte es und die Hebamme schlug ein Bad vor.

Tatsächlich linderte das warme Wasser den Druck der Kontraktionen und ich traute mich sogar, den knurrenden Magen zu erwähnen. In der lauschigen Wanne verspeiste ich genüsslich ein riesiges Käsebrot zwischen den einzelnen Wehen, die sich mit Atmen und Aaaaaaa-Lauten aushalten ließen.

 

Nach einiger Zeit nahm die Vehemenz der Wehen zu. Der Körper erinnerte sich an die schier unerträgliche Qual, derentwegen ich mir damals Ohnmacht und Schlimmeres herbeigesehnt hatte. Zum Glück war mein Mann von seinem kleinen Ausflug zurück und konnte mir bei der aufsteigenden Panik vor dem, was kommen könnte, zur Seite stehen. Würde ich wieder falsch atmen? Würde es wieder einen Geburtsstillstand geben? Würde es wieder ein Notkaiserschnitt werden?

Falls ja, hätte ich dann ein zweites Mal versagt?

Mir war unsagbar heiß, obwohl ich nichts trug außer einem Stretchband um den Bauch. Das Band war mir wichtig. Dass ich ansonsten splitterfasernackt war, oben und unten alles frei, störte mich angesichts dessen, was ich erlebte, nicht im Geringsten. Wieder bot mein Körper keinen Schutz gegen das angehende Martyrium, war dem Geschehen selbst wehrlos ausgeliefert. Wie zum Teufel war ich auf die Idee gekommen, noch ein Kind zu wollen? Würde ich dieses Wesen, dessentwegen ich gerade durch die Hölle ging, so lieben können wie meine Tochter? Wieso hatte ich nicht gleich einen Kaiserschnitt verlangt? Meiner Bitte, besser gesagt meiner gebrüllten Forderung nach dem Eingriff, leistete niemand Folge. Ehemann F. streichelte meinen Kopf, redete in einer Tonlage, als sei ich nicht ganz dicht.

Wir hätten doch besprochen, dass …

»Gar nichts haben wir besprochen!! Ich will was trinken!!« – »Natürlich, Liebes.«

Das Szenario beobachtete ein Assistenzarzt. Warum? Stumm saß er Stunde um Stunde auf seinem Stuhl, sah mich, nackt, entblößt, leidend, schreiend, meinen um Beruhigung bemühten Mann. Das war mir komplett egal.

Die Hebamme betrat den Raum. War sie weg gewesen? Im Schlepptau hatte sie zwei Anästhesisten. Reichte einer nicht? Hoffnung keimte auf! Anästhesist = PDA = weniger Leid. Hoffentlich. Bis die PDA erfolgreich gesetzt werden konnte, dauerte es eine Stunde. Eine Stunde, in der ich durch ein Tal der Qualen wanderte. Drei Anläufe waren nötig. Bei jedem Nadelstich ins Rückenmark brach ein Blitzgewitter über meine Nerven herein, dessen Heftigkeit zusätzlich zu den Wehen zu stemmen war. Ohnmacht, wo warst du??

Als die dritte Nadel endlich saß, die Narkose Wirkung zeigte und ich aufatmen konnte, fiel mir auf, wie bevölkert der kleine Raum war. Hebamme, zwei Anästhesisten, zwei Ärztinnen, Assistenzarzt, Ehemann und ich. Was verschaffte mir die Ehre dieser Entourage an Klinikpersonal? Mein Alter (37)? Mein Geschrei? Die Frühgeburt?

Nach etlichen Stunden, deren Ablauf ich nicht mehr minutiös erinnerte, wurde mein Körper von einer kleinen Explosion erschüttert, die einen Schmerz verursachte, der das bisher Erlebte um Welten toppte. Meinem Instinkt zufolge fehlte nicht viel bis das Becken brechen würde.

»Ich will einen Kaiserschnitt!!!« Heiser von den Schreien der vergangenen Nacht krächzte ich kraftlos.
»So ein Schmarrn!« Die ursprünglich freundliche und fürsorgliche Hebamme war auch jetzt nicht gewillt, meiner Bitte Folge zu leisten. »Für einen Kaiserschnitt ist es zu spät. Das Kind ist schon im Becken, die Spontangeburt dauert nicht mehr lang.«

Was für ein Widerspruch in sich!!

Spontan ist anders. Spontan dauert nicht unzählige Stunden. Unter spontan verstehe ich kurz entschlossen, sofort, ad hoc. Und plötzlich …? Waren alle Schmerzen verflogen. Zehn Stunden nach dem Käsebrot lag am ersten Advent morgens um viertel vor sechs ein Bündel Leben auf dem Klinikbett. Unendlich klein, knapp 2,5 Kilo, brüllte es, was das Zeug hielt. Unkontrollierbar flossen die Tränen. Tränen wegen des Erlebten, wegen der unfassbaren Strapazen, physisch und psychisch, und Tränen des Glücks, die keiner verstehen konnte, der es nicht selbst durchlebt hatte. Da lag sie. Unsere zweite Tochter, C. Was hatten wir erwartet? Wen hatten wir erwartet? Einen optischen Abklatsch der ersten? Blauäugig war sie, wie alle Babys. Statt des erwarteten blonden Flaums war das kleine Köpfchen voll mit langen dunklen, fast schwarzen Haaren.

»Ich geh kurz zur Cafeteria? Möchtest du eine Cola? Light?« Brauchte mein Mann einen kleinen Tapetenwechsel?
»Spinnst du?! Cola ja, aber mit extra Zucker!« Ich brauchte Energie, um für das rauschähnliche Glücksgefühl gewappnet zu sein.

Wie viele Stunden musste du auf dein Glück warten? Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail an: irishell@gmx.de – ich freue mich!

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