Saustall vor Weihnachten


DIE GEBURT UNSERER ZWILLINGSTÖCHTER

22. Dezember. 2.05 Uhr.

36. Schwangerschaftswoche. Ein ähnliches Szenario wie bei der Geburt unserer zweiten Tochter: Vor neun Minuten war eine Fruchtblase geplatzt. Vielleicht auch die andere. Die Pfütze unter mir färbte das hellblaue Bettlaken langsam, aber stetig in dunkles Blau. In meinem Bauch herrschte gespannte Stille, auch rechts, wo es üblicherweise turbulenter als links zuging. Zwei Winzlinge, erleichtert, nicht allein zu sein, erwarteten das Unbekannte: den großen Schritt ins Leben, den ersten Atemzug, den ersten Schrei. Vorsichtig zupfte ich meinen Mann am Ärmel seines Schlafanzugs. »Wach auf! Es geht los.«
Der angehende Vierfachvater riss kurz die Augen auf, schnarchte seelenruhig weiter. Ein wenig heftiger versuchte ich mein Glück erneut.

»Duhu. Die Zwillinge wollen raus!«

»Sofort. Ich muss mich kurz sammeln und dann lege ich los.« Zehn Sekunden später schnellte er aus dem Bett, sprintete in die Küche, räumte in Windeseile die Spülmaschine aus und deckte den Frühstückstisch. Es war 2.15 Uhr. Anschließend wählte er den Notruf. Diesmal brachte mein Mann mich nicht selbst ins Krankenhaus. Das Risiko, dass etwas schief lief, war uns zu groß. Aus dem gleichen Grund sollte es ein geplanter Kaiserschnitt sein.

Vormittags war ich in der Klinik gewesen, um die Operation zu besprechen, die aus mir nicht erklärlichen Gründen erst vier Wochen später angesetzt war. Seit acht Wochen begleiteten mich ständig Wehen und dank Medikamenten, Globuli und Akupunktur hatte ich es bis in 36. Woche geschafft.

Um 2.23 Uhr betraten zwei Notärzte unser Schlafzimmer, verfrachteten mich auf eine Bahre, die sie ob der dreifachen Last laut schnaufend die Treppe hinunterhievten und anschließend in den Krankenwagen wuchteten.
Im Krankenhaus empfing mich eine Hebamme, hing mich an den Tropf mit Wehenhemmer, sobald sich die bekannten und gefürchteten Kontraktionen des Bauchs zeigten.

Dass mir die gefürchteten Strapazen einer natürlichen Geburt erspart blieben, beruhigte, andererseits war ich ängstlich angesichts dessen, was auf mich zukam. Die Erinnerungen an den Notkaiserschnitt vor viereinhalb Jahren waren auch keine guten. Zu wissen, dass Messer notwendig waren, um die Kinder ins Leben zu holen, verursachte eine unangenehme Nervosität.

Wer mich wann und wie in dieser Dezembernacht in Teilnarkose versetzt hatte, kann ich in meinem Gedächtnis nicht finden. Wie ich in den OP gekommen und wie lange ich dort war, auch nicht. Die restliche Nacht besteht aus Erinnerungsfetzen. Mein Mann zu meiner Linken in grüner OP-Kleidung, samt schickem Haarnetz, hellgrüne Fliesen an Wand und Boden, die Hebamme zu meiner Rechten in blauer Hose und blauem Oberteil. Sie war durchgehend anwesend – warum? – streichelte beruhigend meinen Kopf, mein Gesicht, was mir die Angst ein wenig nahm. Trotz der Sterilität der Umgebung fühlte ich mich annähernd wohl.
Oberhalb meines Bauchs diente ein Vorhang, ebenfalls grün, als Sichtschutz zum eigentlichen Geschehen.

Plötzlich war es soweit.

Skalpellschnitte, die ich ähnlich schon einmal gespürt hatte, waren heute weniger schlimm als befürchtet. Es dauerte nicht lange und der Druck in der rechten Bauchhälfte ließ nach. Zwilling eins war da. Ein Schrei. Eine Minute später folgte der zweite Schrei.

Die Wunder wurden für erste Untersuchungen auf vorgewärmte Bettchen im Vorraum gelegt. Der frisch gebackene Vierfachvater dürfte dabei sein.
»Wann kommt denn endlich der Putzdienst?« Hinter dem Vorhang beschwerte sich eine tiefe Stimme über den Saustall nach dem Kaiserschnitt. Wie sah es dort wohl aus? Blutig? Wie in einem Schlachthof? Während meine Naht genäht und das Eintreffen des Reinigungstrupps heiß ersehnt wurde, unterhielt sich das OP-Team über den Speiseplan. Rindergulasch mit Salzkartoffeln stand mittags auf dem Programm. Das hätte ich jetzt auch gern gehabt! Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, was ich noch gerne gegessen hätte, stand mein Mann im Türrahmen. Auf den Armen unsere Zwillinge, zwei winzige Mädchen, die zusammen keine fünf Kilo wogen.

Eine rechts, eine links.

Sein Gesicht strahlte vor Stolz als hätte er sie soeben selbst auf die Welt befördert. Am 22. Dezember um kurz vor vier Uhr morgens hatte uns das Christkind zwei Tage vor Weihnachten zwei kleine Wunder beschert, deren Anblick die Widrigkeiten der letzten Monate – Übelkeit, Iritis, Ringelröteln, vorzeitige Wehen – vergessen ließen.
Wir hatten jetzt tatsächlich vier Töchter. An den Gedanken mussten wir uns erst gewöhnen. Gemeinsam schwebten wir in den kommenden Stunden in einem überglücklichen Trancezustand körperlicher und geistiger Erschöpfung. Auch fünf Jahre nach dieser Nacht freuen wir uns jeden Tag über die beiden kleinen großen Wunder. Seit dem 22. Dezember 2012 ist unsere Familie vollständig.

Was war dein schönstes Weihnachten? Hinterlasse hier sehr gerne einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail an: irishell@gmx.de – ich freue mich!

 

 

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