Mit Griesgram und Melone


PLATSCH, WUMM ODER ZACK?

Welches Geräusch der Aufprall einer vorsätzlich geworfenen Honigmelone (bio) auf dem Boden verursacht, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Er dauerte keine Sekunde. Am ehesten wohl wumm.

Wer bitte wirft eine Melone? Ich. Aus Wut. Weil ich mich zum wievielten Mal auch immer, aber definitiv zu oft, über die Unordnung in den Kinderzimmern geärgert habe. Wie viele Stunden, Tage, gar Wochen habe ich griesgrämig und verzweifelt auf dem Boden kriechend verbracht, um das durch kindliche Spielwut verursachte Chaos wieder in eine Ordnung zu bringen, die meinen Vorstellungen entspricht. Gibt es eine gelenkschonende Alternative zum täglichen Fall auf die Knie? Wie kann ich entflohene Plastikpferdchen wieder einfangen oder Spielfigürchen unter dem Kinderbett befreien, ohne dass ich bäuchlings herumrobbe?

Blauer Sack? Für die Kinder?

Natürlich nicht! Wie viele blaue Säcke wären nötig, um all die über den Boden mehrerer Kinderzimmer verteilten Anziehsachen, Stofftiere und Spielsachen einzupacken und auf Nimmerwiedersehen zu verfrachten? Zehn? Zwanzig? Zu viele. Vielleicht sollte ich einfach zur Beruhigung in den Sack atmen?

Warum lasse ich meine Kinder nicht mit aufräumen? Ja, warum nur? Glaubt wirklich jemand im Ernst, ich ließe meine Töchter nicht helfen, ich stünde in Abwehrhaltung vor den verwüsteten Orten und hielte die Täter des Drecks, die Kindlein, die sich nichts sehnlicher wünschen als aufzuräumen, davon ab, praktisch Reue zu tätigen? Hä??
Mit Handkuss nähme ich jede Hilfe entgegen, zeigte hier und dorthin, würde die Bienchen bei ihrem fleißigen Tun dirigieren und ließe sie sogar auf Wunsch das Bad porentief rein säubern.

Aber was bekomme ich auf mein Bitten und Flehen zur Antwort? Ich bin müde. – Später. – Morgen. – Das war ich nicht. – Dafür bin ich zu klein. Aber zum Dreckmachen bist du nicht zu klein, du Fitzpiepe?

Anstatt den Saustall auszumisten, wähle ich eine Alternative: Schwer atmend steige ich die Treppe hinab. Aus Verzweiflung wird Wut, aus Wut wird Zorn. Der Hals schmerzt von dem hilflosen Schrei, der mir noch in der Kehle steckt.

Langsam und entschlossen betrete ich die Küche, scanne das Umfeld, schweife über Kiwi und Cocktailtomaten. Schließlich werde ich fündig: Da liegt sie. Mit der rechten greife ich zu, hole aus und … Wumm! Werfe ich besagte Melone. Um mich abzureagieren. Getroffen habe ich niemanden, hatte ich auch nicht vor, und die Idee, ein zweites Mal anzusetzen, kommt mir natürlich nicht in den Sinn. Ein Wurf gegen die Wut war genug.
»Kann man die noch essen?«, fragt der sechsjährige Gernesser der Familie besorgt. Ja.

Als die Wut verraucht ist, meldet sich das schlechte Gewissen. Musste das jetzt sein?

Hätte nicht Meditation, tiefes Atmen in den Bauchraum Abhilfe leisten können? Nein. Völlig ungeeignet in derart energetisch aufgeladener Situation. Hätte ich nicht wenigstens nur ein Kissen verdreschen oder mit einer Plastikflasche entschlossen auf den Tisch klopfen können? Nein. Um Dampf abzulassen, muss es richtig krachen, bedarf es des Wumm.

Wäre ich eine Berühmtheit, würde mein Eklat womöglich als liebenswerte Exzentrik ausgelegt. Meine treue Anhängerschaft verziehe mir derartige Temperamentausbrüche, erwartete diese sogar. Hätte ich unter Tabletteneinfluss selbige Attacke begangen, würde mir wahrscheinlich auch das nicht verübelt. Vielleicht würde dem Vorfall gar eine Schlagzeile auf der Titelseite gewidmet, diente mitunter als Publicity fürs neue Filmprojekt. Kopfkino aus. Schließlich bin ich keine Berühmtheit. Und Tabletten oder Drogen nehme ich auch nicht.

Ich versuche, mich zu trösten. Es hätte wahrhaft schlimmer kommen können. Wassermelone, Kokosnuss, Thunfischdose hätten als Wurfobjekt zweckentfremdet wohl größeren Schaden angerichtet. Womöglich wäre bei Verfehlung des eigentlichen Ziels ein Regal zum Einsturz gebracht worden. Ein Tritt gegen Wand, Tür oder gar Fenster hätte ein Loch hinterlassen, die Tür aus den Angeln heben, die Scheibe zerbersten können. Am Ende wäre als Folge des Fehltritts mein Mittelfuß gebrochen.

Nichts von alledem ist passiert.

Ich habe mich weder schadensersatzpflichtig noch strafbar gemacht. Es war meine Melone und das Beschädigen eigener Melonen ist erlaubt. Der Sachschaden an der Melone hält sich in einem überschaubaren Rahmen – 2,99 Euro – und hat sich bei genauerem Hinsehen womöglich gar nicht realisiert. Denn abgesehen von einer kleineren oder auch größeren optischen Beeinträchtigung der Schale ist das gute Stück tip top.

Um die Spuren meiner Explosion zu beseitigen, esse ich vorsorglich die Melone auf. Lecker. Melone gut. Alles gut. Und für den nächsten Notfall liegt das potentielle Wurfgeschoß schon im Obstkorb in den Startlöchern.

In welchen Momenten kommst Du an Die Grenzen Deiner Belastbarkeit? Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail an: irishell@gmx.de – ich freue mich!

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