Die Heulsuse


NOCH EIN PAAR WOCHEN BIS ZUM 21. JULI.

Und ich weiß genau, was ich am 21. Juli gegen 18 Uhr tun werde: heulen. Da ich nah, extrem nah, am Wasser gebaut habe, bringen mich etliche Situationen zum Weinen: Siegerehrungen, Trauerfälle, der Anblick eines Neugeborenen, Taufen, singende Kinder, ein abgebrochener Nagel, angebrannter Reis.

Und was ist am 21. Juli?

Abschied vom Kindergarten. Meine mittlere Tochter – die Olive unter den Erdbeeren – kommt im Herbst in die Schule. Es ist das sechste Mal, dass mich das Ende einer behüteten Krippen- und Kindergartenzeit voraussichtlich auf eine emotionale Achterbahn schicken wird.

Warum? Mein Kind scheint nicht traurig zu sein, dass die Zeit vorbei ist. Im Gegenteil. Die angehende Erstklässlerin freut sich wie ein Schnitzel, endlich wie ihre große Schwester ein Schulkind zu werden. Ungeduldig malt sie Kreise aus, die die verbleibenden Tage bis zur Einschulung symbolisieren, fragt fast täglich, wie viele Wochen noch abzuwarten sind und zeigt kein Fünkchen Wehmut.

Natürlich freue auch ich mich mit meiner Kleinen, darauf, dass sie lesen und schreiben lernen wird, kaufe ebenso vorfreudig einen Schulranzen in Neongelb, bestücke ihn eifrig mit Heften, bunten Wachsmalkreiden und einem getupften Federmäppchen. Gleichzeitig werde ich sentimental, weil in wenigen Wochen die überwiegend unbeschwerte Zeit für meine Tochter vorüber sein wird und der berühmte Ernst des Lebens bevorsteht. Dass die Jüngsten, die Zwillinge, noch zwei Jahre im vertrauten Kindergartenkreis vor sich haben, ist ein kleiner Trost.

Dennoch werde ich an besagtem Tag, dem Tag des Abschieds, von Rührseligkeit übermannt werden, ob ich wollen werde oder nicht. Selbst in Jahren, in denen ich nur Zuschauerin war und meine Kinder auch nach den Ferien in ihre gewohnte Kindergartengruppe gegangen sind, fiel es mir schwer, nicht sentimental zu werden. Spätestens mit Überreichung der Schultüten an die Vorschulkinder flossen mindestens drei Tränchen der Rührung.

Mit übertriebenem Grinsen versuchte ich die Tränen zurückzuhalten, was leidlich klappte.

Weitaus mehr als drei Tränen werden erfahrungsgemäß fließen, wenn mein Kind voller Stolz die Tüte samt guten Wünsche für den bevorstehenden Lebensabschnitt entgegennehmen wird.

Wie jedes Mal nehme ich mir vor, mich zusammenzureißen. Schließlich gibt es objektiv keinen Grund, traurig zu sein. Die Mutti muss nicht flennen. Denn wie gesagt: Die betreffende Tochter ist nicht unglücklich, nicht ich habe die letzten drei Jahre meines Lebens den Kindergarten besucht und dank meiner Kleinen kann ich noch öfter in besagter Einrichtung Sankt Martin oder Weihnachten feiern. Und das Schulkind ebenso.

Sollte mein Vorhaben, nicht aus der Rolle zu fallen, entgegen der guten Vorsätze dennoch scheitern, kann ich nächstes Jahr erneut mein Glück versuchen, denn dann wird meine Älteste die Grundschule verlassen. Ob ich tatsächlich gelassener auf das Ende dieser Ära reagieren werde, kann ich in einem Jahr berichten.

Welcher „Abschiedstyp“ bist Du? Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail an: irishell@gmx.de – ich freue mich!

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