Der Apfel fällt wohl weit vom Stamm


 

ZUMINDEST BEIM KLEIDUNGSGESCHMACK.

Meine Töchter lieben Muster und Farben, besonders in den wildesten Kombinationen.

An manchen Tagen wünsche ich mir einen Graufilter, den ich über Farb- und Musterpracht legen könnte. Leider habe ich keinen und so bleibt mir nichts anderes übrig, als den Geschmack meiner jeweils Zwei- bis Fünfjährigen mit Geduld und Gelassenheit, immens viel Gelassenheit, hinzunehmen.

Meine Kinder hatten / haben in ihrer jeweiligen – wie man es böse nennen könnte – Geschmacksverirrungsphase ein unglaubliches Talent:

Hosen, Röcke, Jacken und Oberteile derart miteinander zu mixen, dass jedes Kleidungsstück unter Garantie grauenhaft wirkt. Wetterunabhängig werden als Schuhwerk gerne Gummistiefel gewählt, seitenverkehrt getragen – wohl wegen des lustigen Tragegefühls.

Vor sechs Jahren wurde unsere zweite Tochter getauft. Der Täufling, seinerzeit propere acht Monate, ließ sich im sicheren Zeitabstand zur Geschmacksverirrungsphase, widerstandsfrei ins weiße Spitzenkleidchen stecken.

Anders die ältere Schwester. Diese, gerade drei geworden und auf dem Zenit der Fähigkeit, individuelle Ideen in Kleiderfragen zu entwickeln, setzte ihre eigene und vor allem eigenwillige Vorstellung rigoros durch. Pink-grün längsgestreiftes Kleid, sogar von einem Designerlabel für den besonderen Anlass, darunter ein türkisfarbenes Langarm-Shirt, das ganze kombiniert mit einer rosa-pink geringelten Schlafanzughose und knallroten Turnschuhen. Als sei ein Papagei in einen Eimer mit Regenbogenfarbe gefallen. Grauenvoll. Guido-Maria Kretschmer wäre wahrscheinlich ausgeflippt. Nicht vor Begeisterung.

Heute, sechs Jahre nach dem Familienfest, fragt mich die mittlerweile Neunjährige, der damalige Paradiesvogel, beim Anblick der Tauffotos, wer sie denn so angezogen habe.

»Na du.« – »Und ihr seid nicht eingeschritten???« – »Nein.«

Jegliches Einschreiten oder Verbot oder ein anderweitiger Bekleidungsvorschlag wäre zwecklos gewesen, da sich der dreijährige Lockenkopf auch in der Trotzphase befand. Betroffene Eltern wissen sicher, was ich meine.

Aktuell bin ich dem Alltagsstarrsinn, insbesondere in Kleiderfragen, von vierjährigen Zwillingen unflexiblen Charakteren ausgeliefert. Blusen, schöne Röcke, feinste Kleider hängen unbeachtet und enttäuscht auf Kleiderbügeln und warten darauf, endlich der Enge des Schranks entfliehen zu dürfen. Vergebens. Höchstens zehn Prozent der Garderobe finden die Zustimmung der Zwillinge und werden – wie hätte es anders sein können? – in geschmacklich höchst bedenklicher Weise, die mir die Möglichkeit bietet, an meiner Toleranz zu arbeiten, kombiniert.

Kürzlich stand ein Verwandtenbesuch an und zum Feiertag schwebte mir ein Sonntagskleid vor. Mit Blick auf die gewohnt heterogene Kleiderzusammenstellung bat ich eine der Vierjährigen, sich etwas Schönes anzuziehen. Mit einem Blick, aus dem Traurigkeit, Entsetzen und Unverständnis für die ignorante Mutter sprach, entgegnete sie entrüstet:

»Aber ich bin doch schön angezogen!«

In dem Moment wurde mir wieder das bewusst, was ich manchmal vergesse: Es gefällt ihr. Es macht sie glücklich. Allein das zählt.

Wer weiß? Vielleicht wünsche ich mir in ein paar Jahren, wenn Zeiten pubertärer Ausbrüche auf uns hereinbrechen werden, die Farbenfreude der kleinkindlichen Zeit zurück.

Welche Outfits lässt sich Dein Kind einfallen? Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail an: irishell@gmx.de – ich freue mich!

2 Gedanken zu „Der Apfel fällt wohl weit vom Stamm“

  1. Super. Ich kann mich zum Teil gut erinnern an Deine Mädels. Ich bewundere Dich für Deine Geduld. Und für Dein Schreibtalent. Dicker Drücker von weit her…

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