Das Vergessen


SEIT DER ERSTEN SCHWANGERSCHAFT VERGESSE ICH ALLES.

Namen, Termine, Bestandteile der Einkaufsliste, meist Unwichtiges, manchmal Wichtiges. Aktuelles Beispiel: Mein Mann packt die Koffer für eine Dienstreise, von der er mir schon vor Wochen erzählt haben will, und zwar angeblich mehr als einmal. Ich befürchte, er hat recht, denn dunkel, ganz dunkel, spukt es in meinen grauen Zellen. Schemenhaft huschen einzelne Erinnerungsfetzen über den gedanklichen Bildschirm. Leider fügen sie sich nicht zum erhofften Gesamtbild zusammen. Eine Weile gaukle ich Wissenheit vor. Lange lässt sich die Fassade nicht aufrecht erhalten und schließlich muss ich mir die Blöße geben, nachzufragen, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal: Wohin geht denn die Reise?

Wann hat das Vergessen Einzug in mein Gehirn gehalten?

Wann hat es angefangen, seinen Mantel über Informationen, manche nutzlos, manche leider notwendig, auszubreiten? Die Antwort ist leicht: Ich kann mich nicht erinnern.

Früher konnte ich mich auf mein Gedächtnis verlassen. Es war ein Leichtes, Neuigkeiten aufzunehmen, kurz-, mittel- oder längerfristig zu archivieren und wie auf Knopfdruck wieder abzurufen. Während der Schulzeit spazierten mathematische Formeln, französische Grammatikregeln und Unmengen an lateinischen Vokabeln in meinen Kopf, haben es sich dort gemütlich gemacht und sind über Jahre geblieben. Ellenlange Paragraphenketten, juristische Definitionen, fundamentale BGH-Rechtsprechung gesellten sich zu Studienzeiten hinzu, ohne dass in den grauen Stübchen Chaos ausgebrochen wäre.

Meine Auffassungsgabe hat nicht nur mir, sondern gelegentlich auch anderen gute Dienste erwiesen.

Wollte eine Freundin in einem Club die Telefonnummer eines Angebeteten notieren, hatte weder Stift noch Papier zur Hand – das heute allgegenwärtige Handy war damals noch Zukunftsmusik, merkte ich mir unabhängig von der Uhrzeit und vom Grad der Alkoholisierung verlässlich bis dahin unbekannte  Vor- und Zunamen, Adressen, achtstellige Telefonnummern. Gleiches galt für sämtliche Songtexte meiner Jugend, Geburtstage meiner Familie samt Freundeskreisen, Geburtstage meines Freundeskreises samt Familienangehörigen und und und.

Das Langzeitgedächtnis funktioniert nach wie vor.

Was sich vor Jahren in mein Gehirn eingebrannt hat, ist und bleibt deutlich sichtbar. Die Telefonnummer eines ehemaligen Kollegen, den ich über fünfzehn Jahre weder gehört noch gesehen und demzufolge natürlich auch nicht angerufen habe, könnte ich selbst schlaftrunken in jeder beliebigen Nacht um 3.17 Uhr wiedergeben. Ein Gedicht Erich Kästners, in der 6. Klasse auswendig gelernt, kann nach wie vor fehlerlos vorgetragen werden. Cäsars De bello gallico nach 25 Jahren Latein-Abstinenz übersetzen? Kein Problem!

Ruiniert ist hingegen mein Kurzzeitgedächtnis.

Wissen, das ich täglich brauche, verflüchtigt sich, mal unbewusst, mal bewusst, als würde eine übereifrige Reinigungskraft im Putzwahn just im Moment der Informationsaufnahme den Neuankömmling mit Hochdruck und Intensivreiniger bekämpfen, um ihn radikal auszuradieren. Das Vergessen hat das Ziel vor Augen, die Information daran zu hindern, sich festzusetzen, sie auf Biegen und Brechen zu eliminieren, um eine alltagsfeindliche Leere zu schaffen.

Ständig wiederkehrende Szene:

Zum dritten Mal begebe ich mich in den Keller, um Mineralwasser zu holen. Spätestens auf der untersten Stufe ist mir garantiert der Grund meiner Mission entfallen und ich kehre unverrichteter Dinge nach oben zurück, um keine Sekunde später, nachdem mir der Anlass des Gangs in den Keller kurzzeitig wieder präsent war, eine weitere – natürlich sinnlose – Mission zu starten.

Das erste Mal bewusst wurde mir mein Defizit etwa in der Mitte der ersten Schwangerschaft.

Bei einer Arbeitsbesprechung mit einer Kollegin behauptete ich steif und fest, von Aufgabe XY noch nie, wirklich noch nie, etwas gehört zu haben. Mein Gegenüber – selbst schwanger – nahm dies erstaunt hin, war sich angesichts meines resoluten Auftritts jedoch nicht mehr sicher, wessen Gedächtnis wem einen Streich spielte. An Schreibtisch straften mich meine handgeschriebenen, mehrseitigen Aufzeichnungen, Dokumente einer mehrstündigen Besprechung, Lügen. Damals hatte ich eine plausible Entschuldigung: Schwangerschaftsdemenz.

Über Wochen und Monate nach der Geburt, geprägt von geistigen Aussetzern, Erinnerungslücken und Momenten des Vergessens, half mir als ebenfalls plausible Entschuldigung die Stilldemenz. Wie manche Frauen körperlich und vor allem geistig in der Lage sind oder behaupten, es zu sein, manchmal wenige Tage nach der Geburt Vollzeit und mehr in ein Power-Berufsleben einzutauchen, ist mir bis heute ein Rätsel. In postnatalen Zeiten waren einfachste Dinge wie Zeitunglesen eine Herausforderung. Am Ende der ersten Zeile angelangt war mir bereits der Anfang nicht mehr in Erinnerung. Auch war ich unfähig, zu streiten, weil mir schon nach einem Satz mein eigener Standpunkt wieder entfallen war.

Die Entschuldigungen Schwangerschafts- oder Stilldemenz sind längst Vergangenheit.

Wie lässt meine aktuelle Vergesslichkeit erklären? Bin ich überlastet? – Oh ja! – Bin ich krank? Zeigen sich erste Anzeichen von Alzheimer? – Bitte nicht. – Ist mein Gehirn nach Jahren des intensiven Mutterseins vielleicht unterfordert, ähnlich einem Muskel, der mangels Training erschlafft und schließlich verkümmert? – Ich weiß es nicht.

Wie helfe ich mir selbst aus der Misere?

Ich schreibe Notizzettel, behelfe mir mit Gedankenstützen. Möchte ich einen Tisch beim Chinesen reservieren, lege ich Essstäbchen neben das Telefon, dessen Weckruf bei Öffnung des Restaurants Alarm schlägt. Diese Taktik der Erinnerung birgt zwei Hürden: 1. Ich muss mich erinnern, die Gedankenstütze für mich sichtbar oder hörbar zu platzieren. 2. Ich muss mich erinnern, wofür diese steht. Wenn ich die Hürden stolperfrei passiert habe, klappt es eigentlich ganz gut.

Worüber habe ich gerade geschrieben?

Keine Ahnung. Der übliche Mantel des Vergessens hat sich über mein Gehirn und jede einzelne geschriebene Silbe gebreitet. An was mich das Foto einer grinsenden Katze neben dem Computer erinnern soll, mag mir beim besten Willen nicht einfallen.

Und weißt Du was? Ich verzeihe mir, bin meinem Gehirn, das tagtäglich an Wichtiges und zig Kleinigkeiten zu denken hat, nicht böse. Dann fällt halt mal ein Termin beim Kieferorthopäden oder Zahnarzt hinten runter. Na und!? So angenehm sind diese Termine auch nicht. Im Alltag behelfe ich mir mit kleinen Gedankenstützen. Möchte ich später Muffins backen, platziere ich gut sichtbar das Mehlglas auf der Arbeitsplatte oder Essstäbchen erinnern mich, einen Tisch beim Chinesen zu reservieren. Mit diesen Helferlein klappt es ziemlich gut.

Welche Tricks hast Du gegen schlappe graue Zellen auf Lager? Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail an: irishell@gmx.de – ich freue mich!